© Nils Leon Brauer 2022

EuroPride 2022 – Brief an die serbische Regierung

Mein Brief als Beauftragter für die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt der Bundesregierung an Aleksandar Vucic – Präsident und Ana Brnabic – Premierministerin Serbiens vom 9. September 2022 (Übersetzung siehe unten):

 

Dear President,
Dear Prime-Minister,

For many months I have been looking forward to my visit to Belgrade on the occasion of EuroPride 2022. The fact that Serbia will be the first country in Southeast Europe to hast the event is so important for the European LGBTIQ* community. lt gives me hope and arouses great expectations. I am firmly convinced that diversity makes a society freer and therefore strenger. When people can be different without fear and discrimination and have equal rights and dignity, that is a gain for the whole society.

For many years, there has been continuous progress in Serbia in the legal and social recognition of the LGBTIQ* community as part of the EU accession negotiations. I would like to thank you very much for this. The majority of the Serbian population is in favour of legal recognition of same-sex couples. They recognize the right of the LGBTIQ* community to freedom of assembly and expression, as enshrined in the Serbian Constitution and the European Convention on Human Rights. Thanks to sufficient police presence, Prides have been able to take place in Belgrade in recent years and the safety of participants has been protected. In the Rainbow Index of ILGA-Europe, Serbia is now in the middle range of the European states. This is a great success.

The Pride March planned for Saturday 17th September is the highlight of EuroPride 2022. Taking to the streets confidently and visibly for the rights and acceptance of the LGBTIQ* community is the core message of every Pride. Being able to publicly stand up against existing discrimination, stigmatisation and hatred is something very moving and poignant – and not only for the LGBTIQ* community. As an integral part of a democratic constitutional state and respectful coexistence, it is also significant for society as a whole. That is why it is so important that this Pride March can take place.

I am aware of the protests against this very significant symbol. They are precisely to intimidate and spread fear. lt is all the more important that these protests do not achieve their goal, which is to restrict or not defend the right to freedom of assembly and expression for the LGBTIQ* community. Especially in these critical moments, the Serbian government and its security authorities must stand behind the LGBTIQ* community and ensure that this Pride March can take place peacefully and safely.

All of Europe is looking at Serbia right now. People from many European countries will be guests in Belgrade. lt would be a fatal signal and an enormous step backwards if the highlight of EuroPride 2022, of all things, could not take place or was inadequately protected. The organizing team of EuroPride 2022 has worked trustfully and well with the Serbian government in the past years. lt has also approached the Serbian authorities in recent days and has shown a willingness to compromise on the raute and duration of the Pride March in order to make it easier for the security authorities to protect the safety of the participants. Because we all share the interest in a peaceful demonstration.

Therefore, I would like to join the letter of 145 Members of the European Parliament and also ask you to find a solution together with the EuroPride 2022 organising team and the EU delegation to enable a sufficiently protected Pride march on Saturday 17th September. I strongly believe that a peaceful event in Belgrade is possible and I am happy to be part of it.

Thank you very much for your efforts.

With kind regards,

Sven Lehmann

 

Deutsche Übersetzung:

Sehr geehrter Herr Präsident,
sehr geehrte Frau Premierministerin,

seit vielen Monaten freue ich mich auf meinen Besuch in Belgrad anlässlich der EuroPride 2022. Dass mit Serbien erstmalig ein südosteuropäisches Land Gastgeber des für die europäischen LGBTIQ*-Community so bedeutsamen Events ist, stimmt mich hoffnungsvoll und weckt in mir große Erwartungen. Denn ich bin der festen Überzeu­gung, dass Vielfalt eine Gesellschaft freier und damit auch stärker macht. Wenn Men­schen angst- und diskriminierungsfrei unterschiedlich sein können und dabei gleiche Rechte und gleiche Würde haben, ist das ein Gewinn für die gesamte Gesellschaft.

Seit vielen Jahren gibt es in Serbien im Rahmen der EU-Beitrittsverhandlungen konti­nuierliche Fortschritte bei der rechtlichen und gesellschaftlichen Anerkennung der LGBTIQ*-Community. Dafür möchte ich mich sehr bei Ihnen bedanken. Die Mehrheit der serbischen Bevölkerung befürwortet eine rechtliche Anerkennung von gleichge­schlechtlichen Paaren. Sie anerkennt das in der serbischen Verfassung und der Euro­päischen Menschenrechtskonvention verbriefte Recht der LGBTIQ*-Community auf die Versammlungs- und Meinungsfreiheit. Dank ausreichender Polizeipräsenz konnten in den letzten Jahren Prides in Belgrad stattfinden und die Sicherheit der Teilnehmenden geschützt werden. Im Rainbow-Index von ILGA-Europe liegt Serbien inzwischen im Mit­telfeld der europäischen Staaten. Das ist ein toller Erfolg.

Der für Samstag, den 17. September geplante Pride Marsch ist der Höhepunkt der EuroPride 2022. Selbstbewusst und sichtbar für die Rechte und die Akzeptanz der LGBTIQ*-Community auf die Straße zu gehen ist die Kernbotschaft eines jeden Prides. Öffentlich gegen bestehende Diskriminierung, Stigmatisierung und Hass eintreten zu können, hat etwas sehr Bewegendes und Ergreifendes – und zwar nicht nur für die LGBTIQ*-Community. Als integraler Bestandteil eines demokratischen Rechtstaates und respektvollen Zusammenlebens ist es auch bedeutsam für die gesamte Gesellschaft. Daher ist es so wichtig, dass dieser Pride Marsch stattfinden kann.

Ich bin mir der Proteste gegen eben dieses bedeutsame Zeichen bewusst. Sie sollen ge­rade einschüchtern und Angst verbreiten. Umso wichtiger ist es, dass diese Proteste ihr Ziel nicht erreichen, nämlich das Recht auf Versammlungs- und Meinungsfreiheit für die LGBTIQ*-Community einzuschränken oder nicht zu verteidigen. Die serbische Regie­rung und ihre Sicherheitsbehörden müssen sich gerade in diesen kritischen Momenten hinter die LGBTIQ*-Community stellen und dafür sorgen, dass dieser Pride Marsch friedlich und sicher stattfinden kann.

Ganz Europa schaut gerade auf Serbien. Menschen aus vielen Ländern Europas werden in Belgrad zu Gast sein. Es wäre ein fatales Signal und ein enormer Rückschritt, wenn ausgerechnet der Höhepunkt der EuroPride 2022 nicht stattfinden könnte oder nur un­zureichend geschützt wird. Das Organisationsteam der EuroPride 2022 hat in den ver­gangenen Jahren vertrauensvoll und gut mit der serbischen Regierung zusammenge­arbeitet. Es ist auch in den letzten Tagen auf die serbischen Behörden zugegangen und hat Kompromissbereitschaft gezeigt, was die Strecke und die Dauer des Pride Marsches angeht, um es den Sicherheitsbehörden zu erleichtern, die Sicherheit der Teilnehmenden zu schützen. Denn wir alle teilen das Interesse an einer friedlichen Demonstration.

Daher möchte ich mich dem Brief von 145 Mitgliedern des Europäischen Parlaments an­schließen und Sie ebenfalls bitten, gemeinsam mit dem Organisationsteam der EuroPride 2022 und der EU-Delegation nach einer Lösung zu suchen, um einen aus­reichend geschützten Pride Marsch am Samstag, den 17. September zu ermöglichen. Ich glaube fest daran, dass ein friedliches Event in Belgrad möglich ist und freue mich, daran teilzunehmen.

Ich bedanke mich sehr für Ihre Bemühungen.

Mit freundlichen Grüßen

Sven Lehmann